David Behre und Mentaltrainer Dirk Schmidt über Mentalcoaching im Leistungssport – Teil 1

Podcast mit Leistungssportler David Behre und Mentaltrainer Dirk Schmidt über Mentalcoaching im Leistungssport und die Verbesserung der mentalen Fähigkeiten in der Leichtathletik durch Mentaltraining.

David Behre (* 13. September 1986 in Duisburg) ist ein auf Sprintwettbewerbe spezialisierter deutscher Leichtathlet in der Startklasse T43. Er ist Weltmeister und Paralympics-Teilnehmer.

David Behre habe ich als Mentaltrainer Dirk Schmidt bei einer gemeinsamen Fernsehproduktion für den TV-Sender RTL kennengelernt. Sein Auftritt hatte mich damals so berührt, dass ich David Behre unbedingt für meinen Podcast über Mentalcoaching im Leistungssport gewinnen wollte. Und es hat funktioniert.

David erlitt 2007 im Alter von 20 Jahren einen schweren Unfall in seiner Heimatstadt Moers, bei dem er von einem Zug erfasst wurde. Als er nach Stunden wieder aufwachte, fehlten ihm beide Füße. Du erfährst in diesem Podcast, wie David mit diesem schweren Schicksalsschlag umgegangen ist und, wie du auch aus Krisen etwas Positives für dich und deinen Alltag mitnehmen kannst. Ich habe David in Leverkusen im Sportleistungszentrum getroffen. Daher kann es ab und zu Nebengeräuschen kommen. Und nun wünsche ich dir viel Spaß beim ersten Teil.

Mentaltrainer Dirk Schmidt: Ich freue mich heute ganz, ganz besonders, dass ich hier sein darf in Leverkusen, auf meinen Gesprächspartner David Behre. Wir haben uns schon einmal kennengelernt, aber nur indirekt. Wir sind gemeinsam aufgetreten in einer Fernsehsendung bei RTL. Damals ging es um das Thema, David, glaube ich, Erfolg. Und ich habe das gesehen, natürlich auch deinen Beitrag, und war so fasziniert von dem, was du gesagt hast. Und da habe ich mir gesagt, den David, mit dem muss ich unbedingt mal reden. Vielen Dank, dass ich da sein darf.

Leistungssportler David Behre: Ja sehr, sehr gerne, Dirk. Ich freue mich auf das Gespräch.

Mentaltrainer Dirk Schmidt: Ja. Für alle die, die dich nicht kennen. Wer bist du?

David Behre: Mein Name ist David Behre. Ich bin 31 Jahre alt. Ich hatte vor elf Jahren einen Unfall, bei dem ich beide Unterschenkel verloren habe. Und seitdem bin ich paralympischer Sportler, habe an zwei Paralympics teilgenommen und, ja, mittlerweile bei diesen zwei Paralympics vier Medaillen gewonnen.

Mental-Coach Dirk Schmidt: Super!

David Behre: Ja.

Mentalcoach Dirk Schmidt: Das hört sich alles so unglaublich an. Vier Medaillen gewonnen! Auch eine Weltmeisterschaft. Was war dein größter Erfolg?

David Behre: Ja, ich würde sagen die Paralympics in Rio 2006 mit drei Medaillen. Wir waren unglaublich erfolgreich. Da habe ich vorher nicht mitgerechnet, dass ich da quasi so einschlage. Und daran denke ich zurück. Und das motiviert einen, vier Jahre nochmal weiterzumachen. Weil in so einem Olympiastadion zu stehen, wo 40.000, 45.000, in London sogar 80.000, drinsitzen und einen anfeuern, das macht quasi süchtig.

Mental-Coach Dirk Schmidt: Das macht was mit dir. Ja. Aber dann, wenn das vorbei ist, fällst du dann in ein Loch? Oder wie kann ich mir das vorstellen?

David Behre: Ja, das war nach Rio auf jeden Fall schon. Der letzte Lauf war das Finale über 400 Meter. Und mein Trainer hat gesagt, du lebst genau bis zu diesem Tag. 15. September 2016. Dann war das Finale um. Ich bin Zweiter geworden, habe da die Silbermedaille geholt. Und dann fällst du natürlich erst mal in ein Loch. Weil du hast darauf hingearbeitet und bist natürlich platt. Viele Wettkämpfe, ich stand insgesamt sechs oder sieben Mal auf der Bahn innerhalb einer Woche. Das schlaucht. Weil, wie man auch weiß, schläft man vor so einem großen Wettkampf nicht besonders gut.

Mentalcoach Dirk Schmidt: Das glaube ich dir.

David Behre: Das sind Strapazen für den Körper. Und danach bin ich natürlich in ein Loch gefallen und musste mich neu motivieren. Erst mal wieder Kraft tanken und den Akku aufladen. Also da spricht man ja oft drüber, den Akku aufladen. Das funktioniert bei mir ganz ganz gut. Umfeld und Reise und einfach mal abschalten.

Mentaltraining Dirk Schmidt: Den Kopf wieder freizubekommen.

David Behre: Genau.

Mentaltraining Dirk Schmidt: Wie viele Tage hast du da trainiert auf diesen Wettkampf?

David Behre: Zwei Jahre habe ich komplett dem Ziel alles untergeordnet, um da Gold zu gewinnen. Zwei Jahre war ich nur Sportler und habe versucht, alles bei Seite zu schaffen. Natürlich habe ich da auch ein Umfeld, Berater, Familie, die alles bei Seite räumen für einen, dass man sich nur auf den Sport konzentrieren kann. Weil wir sind mittlerweile im paralympischen Sport auch, das ist ganz klar Hochleistungssport. Und da kann man sich nur auf eine Sache konzentrieren.

Mentaltrainer Dirk Schmidt: Dann brauchst du auch ein starkes Umfeld, das dir den Rücken da freihält.

David Behre: Genau. Das ist ein ganz ganz starker Faktor, glaube ich, für mich. Gehört zu den Resilienzfaktoren. Das Umfeld ist für mich da A und O bei diesen Faktoren. 

Mentaltrainer Dirk Schmidt: Und du hast Trainingseinheiten zwei pro Tag? Oder wie viele Tage die Woche hast du trainiert? Damit wir mal ein Gefühl dafür bekommen, auf welchem Niveau, das ist.

David Behre: Ich habe zwei Jahre lang elf Einheiten die Woche geschoben. Das sind rund 25 bis 30 Stunden gewesen. Also das ist ein ganz normaler Job. Mit der Nachbereitung, physiotherapeutischen Behandlung hat man da ganz schnell auch eine 40-Stunden-Woche. Also da ist wirklich, wie du auch grade hörst, nicht viel Zeit dann für einen anderen Job noch. Und ich bin auch mittlerweile sehr sehr froh, dass ich private Sponsoren habe, die hinter mir stehen, die mir genau dieses Leben ermöglichen. Und das ist einfach Privileg. Und ich bin dankbar dafür, dass ich das Leben eines Profisportlers leben darf.

Mentaltraining Dirk Schmidt: Wie bist du denn erst zum Sportler geworden?

David Behre: Ja, ich war damals 20, stand mit dem Leben vor einer Ausbildung zum Fachinformatiker. Es lief eigentlich alles grade richtig gut. Ich hatte ein Hobby, ich bin Motocross gefahren zehn Jahre lang. Und ich war eines Morgens unterwegs und wollte über einen Bahnübergang fahren mit meinem Fahrrad, und fahr grade über das erste Gleis. Die Schranken waren auf. Und da kam ein Zug. Der hat mich erwischt. Ich hing wohl an dem Zug noch dran irgendwie für 100 Meter. Also ich kann mich an den Hergang nicht erinnern. Ich habe nur einen riesen Knall im Kopf und dann sind alle Bilder weg. Ja, ich bin wohl abgerutscht von dem Zug und nach 100 Metern ist der rechte Fuß abgefahren worden, ein paar Meter weiter dann der linke. Ich habe es irgendwie geschafft in ein Dornengebüsch. Der Zugführer hat nichts gemerkt. Es gab keine Zeugen. Ich lag drei Stunden mit abgetrennten Füßen in diesem Dornengebüsch. Wurde wach und wollte aufstehen und habe gesehen, du kannst nicht aufstehen, dir fehlen die Füße. Komplett die Klamotten zerfetzt. In diesem Augenblick habe ich nur gedacht ich will jetzt hier nicht sterben. Ich will wenigstens meine Eltern nochmal sehen und mich von denen verabschieden. Und ich bin diesen Bahndamm aus dem Dornengebüsch hochgerobbt und habe Häuser gesehen und ganz ganz laut um Hilfe gerufen. Und die Hilfeschreie hat eine Frau gehört. Frau Milan. Das Ganze ist Moers passiert am Niederrhein. Und die hat die Rettungskräfte alarmiert. Dann bin ich nach Duisburg geflogen worden mit dem Hubschrauber und da notoperiert worden. Und da sagten mir die Ärzte, wir kennen keinen vergleichbaren Fall. Das ist ein Wunder, dass du überlebt hast. Da kriegt man einfach nochmal eine zweite Chance. Bei mir ging im Krankenhaus eigentlich alles schnell. Vitalkräfte waren super gut. Die haben mich erst mal in das künstliche Koma versetzt. Da sollte ich zwei Tage verweilen. Ich bin aber nach fünf Stunden wachgeworden. 

Mentaltrainer Dirk Schmidt: Von alleine wieder.

David Behre: Von alleine wieder wach geworden. Und da haben die Ärzte gesagt okay, Vitalkräfte, Vitalfunktionen sind so gut, den lassen wir auch wach. Und dann ein paar Tage nach dem Unfall habe ich eine Reportage im Fernsehen gesehen über Oscar Pistorius.

Mentaltrainer Dirk Schmidt: Ja. Südafrikaner.

David Behre: Südafrikaner. Fehlen auch beide Unterschenkel. Und der war mit seinen Carbonprothesen zu sehen, dass er nicht gehandicapte Läufer über 200 Meter schlägt. Der hat diesen Lauf gewonnen. Und da habe ich gesehen, krass, mir fehlen jetzt auch beide Füße. Ich will auch so schnell rennen. Und dieser Mensch, das war 2007, da war der Unfall, es ging darum, darf er bei den Olympischen Spielen in Peking starten 2008, ja oder nein. Und das hat mich so motiviert und inspiziert, dass ich gesagt habe, krass, ich will auch diese Prothesen haben. Ich will auch wieder schnell laufen. Das ist mein Sport. Und ab diesem Moment bin ich da wirklich jedem auf den Sack gegangen und habe gesagt, ich brauche diese Prothese. Ich will laufen. Ich will laufen und leben. Ganz normal leben. Das war mein Wunsch. Und so habe ich den ersten Gedanken gefasst, irgendwie wieder Leistungssport machen zu können.

Mentalcoaching Dirk Schmidt: Noch im Krankenhaus? 

David Behre: Das war fünf Tage nach dem Unfall. 

Mentalcoaching Dirk Schmidt: Du bist gar nicht in so ein Loch reingefallen?

David Behre: Ich bin Gott sei Dank gar nicht in ein Loch reingefallen. Ich hatte aber auch viel Glück, was ich grade schon mal angesprochen hatte. Umfeld, Familie und Freunde waren für mich da. Ich wurde in der Klinik noch 21 Jahre und wir haben oben in der Cafeteria gefeiert. Ich bin da irgendwie mit dem Rollstuhl hin. Meine Mutter oder mein Vater, irgendwer hat mich geschoben. Und da waren einfach 85 Leute, die mit mir meinen Geburtstag gefeiert haben. Und da habe ich gesehen, krass, du hast so viele Leute, die dich unterstützen. Du hast gar nicht die Möglichkeit, in ein Loch zu fallen. Nichts desto trotz gab es natürlich Tiefpunkte. Also das ist, glaube ich, wir verdrängen immer sehr sehr viel. Also grade auch negative Erlebnisse. Aber so ein Moment ist allgegenwärtig. Damals holt mich meine Physiotherapeutin Regine aus dem Zimmer ab, schiebt mich mit dem Rollstuhl und zeigt all das, was auf mich zukommt. Physiotherapeutische Räume, Kraftraum, Fangoräume, Bewegungsbad. Und nach einer Stunde kamen wir wieder zurück auf das Zimmer. Meine Mutter stand am Krankenbett und ich habe es mit letzter Kraft vom Rollstuhl in das Bett geschafft und bin heulend zusammengebrochen und meinte zu meiner Mutter ich kann nicht, ich will mein altes Leben zurück. Das ist alles zu viel. Regine ist in der Zwischenzeit rausgegangen, kam dann wieder rein, hat das gehört und meine „David, alleine schaffst du das auch nicht. Du musst wollen vom Kopf. Du gibst hier den Ton vor. Wir helfen dir dabei.“ Und das war für mich ganz ganz wichtig, dass auch da vom Krankenhauspersonal Ärzte, Schwestern und auch grade von der Physiotherapeutin, zu der ich heute ein mega freundschaftliches Verhältnis habe. Weil die Zeit hat einfach zusammengeschweißt. Dass die mich auch in dem Moment so unterstützt haben.

Mentalcoach Dirk Schmidt: Aber hattest du nie so einen Gedanken dann, wenn du da wach wirst und siehst, beide Füße sind ab, das macht ja was mit dir in dem Moment. Hattest du da nie Zweifel?

David Behre: Natürlich hat man mal Zweifel. Es war auch eine Situation, da habe ich die ersten Prothesen bekommen nach sechs Wochen und stand in dem Sanitätshaus, was direkt angeschlossen war an dem Krankenhaus, in so einem Gehbarren in den Schäften. Und nach fünf Minuten hatte ich so Schmerzen, dass ich die Prothesen ausgezogen habe. Ich bin keinen Schritt gelaufen oder so. Daran war gar nicht zu denken. Die Unterschenkel sind blau angelaufen. Und da gab es dann zwei Optionen oder zwei Möglichkeiten. Die erste war, erst mal in den Rollstuhl zu setzen, alles ganz ganz langsam auf mich zukommen lassen. Oder kämpfen. Und ich habe diesen Beitrag gesehen und ich habe mich entschieden, zu kämpfen.

Mentalcoach Dirk Schmidt: Du hast gekämpft.

David Behre: Genau. Durch die Schmerzen zu gehen. Die Schmerzen waren unglaublich da, als ich in diesen Prothesen stand. Aber ich habe mich durchgekämpft. Und das hat mich auch stärker werden lassen. Natürlich ist, wenn du als zwanzigjähriger irgendwie beide Füße verlierst, geht das Selbstbewusstsein gegen Null. Und das konnte ich mir Dank diesem Sport, Dank den ersten Erfolgen, die relativ schnell kamen, habe ich wieder mein Selbstbewusstsein aufgebaut. Und der Sport ist eh, glaube ich, ganz ganz wichtig in so einem Schicksalsschlag. Als Prothesenträger braucht man ungefähr die doppelte oder dreifache Kraft für einen ganz normalen Schritt. Und die Kraftübung, das Krafttraining hat mich natürlich dahin gebracht, dass ich auch ganz normal im Alltag mich bewegen kann und nicht auf fremde Hilfe angewiesen bin.

Mentalcoach Dirk Schmidt: Bis wohin gehen deine Prothesen denn?

David Behre: Ich bin doppelunterschenkelamputiert. Das heißt, ich habe die gesunden Knie noch. Ganz ganz wichtig. Und ich habe ungefähr 20 Zentimeter auf beiden Seiten noch des Unterschenkels.

Mentaltraining mit Dirk Schmidt: Okay. Ja. Also mein Onkel, der leider verstorben ist, als Kind haben die im zweiten Weltkrieg immer mit leeren Patronenhülsen da gespielt. Und dummerweise war da eine nicht leer, sondern die ist explodiert und ein Kind ist verstorben und ein anderes Kind hatte einen Arm ab und mein Onkel hatte auch beide Unterschenkel ab. Und der konnte nie länger wie fünf Minuten oder 20 Meter gehen. Der hatte Schmerzen. Hast du eine Idee, warum das so war? Waren da andere Möglichkeiten? Oder ist das eine Kopfsache oder eine Willenssache?

David Behre: Wie alt war er, als da passiert ist?

Mentaltrainer Dirk Schmidt: Ja, der war ein Kind. Er war sieben, acht Jahre alt.

David Behre: Ist schwer zu sagen. Ob er nie mit der Situation zurechtgekommen ist und deshalb dann auch die Prothesen nicht wollte, weil er sich geschämt hat. Das waren wahrscheinlich damals noch Holzprothese. Aber auch da konnten die relativ gut gehen mit. Mehrere Faktoren können das sein, warum er da quasi nicht wirklich gehen konnte. Natürlich, man muss einmal durch die Schmerzen durchgehen. Also ich hatte auch bestimmt drei Jahre schon auch Schmerzen am Unterschenkel. Aber ich habe relativ schnell mit dem Sport angefangen. Und da sind die Belastungen nochmal um ein höheres mehr. Ich habe mich da einfach durchgekämpft und irgendwann, nach dieser Zeit, waren die Schmerzen nicht mehr da. Und heute im Alltag vergesse ich, dass ich amputiert bin. Ich glaube, das ist der Optimalzustand, den man erreichen kann.

Mentalcoach Dirk Schmidt: Du denkst gar nicht mehr darüber nach dann.

Leichtathlet David Behre: Ich denke gar nicht darüber nach. Die Beine gehören zu mir. Die Prothesen gehören zu mir. Ich verstecke die nicht. Die sind einfach meins. Meine Prothesen, auf die ich tagtäglich angewiesen bin.

Mental-Coach Dirk Schmidt: Glaubst du an Zufälle in deinem Leben?

David Behre: Nein.

Dirk Schmidt: Warum nicht?

David Behre: Ich bin zehn Jahre Motocross gefahren. Auch international, Jugendeuropameisterschaften. Ich wollte immer Profisportler werden. Ich war aber zu schlecht. Ich hätte es nie geschafft.

Dirk Schmidt: Beim Motocross?

David Behre: Beim Motocross, genau. Dann wurde ich auf brutalste Art und Weise aus dem funktionierenden Leben gerissen. In diesem Moment ist eine Tür vor meiner Nase zugegangen. Aber in diesem Moment ist auch eine neue aufgegangen.

Mentalcoaching mir Dirk Schmidt: Du hast eine andere Möglichkeit für Dich gefunden.

David Behre: Genau. Und durch diese Tür bin ich einfach gegangen und habe dieses Ziel verfolgt. Und heute bin ich über diesen Umweg des Unfalls Profisportler. Ich lebe von dem Sport. Und für mich ist das irgendwie Fügung.

Mentalcoach Dirk Schmidt: Also dein Traum ist über Umwege Wirklichkeit geworden, oder?

David Behre: So kann man es sagen.

Mentaltrainer Dirk Schmidt: Und der nächste Zufall, der dich ja begleitet hat, war dieser Fernsehbeitrag von dem Pistorius. Wenn der nicht gekommen wäre, wärst du ja gar nicht auf die Idee gekommen.

David Behre: So ist es. Und das krasse war, ich mache das erste Mal den Fernseher an und just in dem Moment kommt dieser Beitrag.

Mental-Coach Dirk Schmidt: Wahnsinn, oder? Ist das gottgegeben.

David Behre: Es ist einfach Fügung. Also da bin ich auch begeistert. Weil natürlich wäre ich sonst auch dahin gekommen. Aber es hätte wahrscheinlich nicht dieses Aha-Erlebnis, Klick-Erlebnis im Kopf gegeben so schnell.

Mentalcoaching mit Dirk Schmidt: Das war ja motivierend für dich dann, welche Möglichkeiten es jetzt gibt.

 

David Behre: Natürlich. Sowas zu sehen. Ich glaube, wir brauchen auch im Leben Vorbilder und Inspiration in den Momenten. Jemand, der das schon mal geschafft hat. Weil da kann sich dran hochziehen. Und der Mann stand ganz oben damals. Und an dem konnte ich mich hochziehen. Und der hat ich aufgebaut. Und er hat mich motiviert.

Mentalcoaching Dirk Schmidt: Ja. Glaubst du an den lieben Gott?

David Behre: Es ist eine ganz ganz ganz schwierige Frage. Also ich bin jetzt nicht so gläubig, dass ich in die Kirche gehe. Aber irgendetwas muss es da schon geben. Davon gehe ich aus.

Mentalcoaching Dirk Schmidt: Also du hast deine eigene Kreation vom lieben Gott im Kopf oder im Herzen?

David Behre: Genau. Genau.

Dirk Schmidt: Du könntest ja auch sagen, Mensch, warum ist mir das mit dem Unfall passiert. Aber du haderst da gar nicht mit der Situation. Das ist auch beachtlich.

David Behre: Genau. Also ich glaube, natürlich hätte ich die Frage nach dem warum stellen können. Aber die hätte mich kein Stück weitergeführt. Eigentlich hätte sie mich nur verzweifeln lassen. Das ist so eine Abwärtsspirale dann. Wenn du einmal dir die Frage des warum stellst, da kommst du einfach nicht mehr raus. Und deshalb habe ich gesagt, ich lasse den Unfall jetzt hinter mir. Die Beine wachsen nicht wieder dran. ich akzeptiere das. ich glaube, Akzeptanz spielt auch eine ganz ganz große Rolle.

Dirk Schmidt: Oder Annehmen.

David Behre: Oder Annehmen. Und ich blicke jetzt nach vorne. Der Unfall war so kacke. Und ich wollte nicht daran zurückdenken. Ich wollte einfach mit voller Energie, mit 100 Prozent in mein neues Leben starten. Und ich glaube, im Nachgang war das auch der richtige Weg, damit so umzugehen. Und das sage ich auch heute immer. Leute, egal, was grade passiert, diese Frage warum die bringt einfach zu nichts.

Mentalcoach Dirk Schmidt: Ja die gibt so eine Negativspirale. Und wir schwimmen dann irgendwann im Selbstmitleid, aber wir kommen da nicht mehr raus.

David Behre: So ist es. Und dann da rauszukommen, wenn du einmal so tief bist, ist ohne fremde Hilfe ganz schwer und es muss erst mal im Kopf dann auch.

Dirk Schmidt: Hier oben Klick machen.

David Behre: Klick machen.

Mentaltrainer Dirk Schmidt: Ja. Die meisten Menschen haben ja nie so eine Möglichkeit. Die haben zwar einen Traum oder einen Wunsch, wie du auch, in ihrem Herzen. Aber vielen Menschen fehlt ja der Mut, das zu tun. Und den meisten Menschen bleibt ja zum Glück so ein Schicksalsschlag erspart, David. Aber was würdest du den Menschen, die das jetzt sehen oder hören, was würdest du denen empfehlen, wenn sie eine Veränderung wollen?

David Behre: Also ich finde Träume ganz ganz wichtig im Leben. Ich hatte damals einen Traum, als ich im Krankenhaus lag. Und zwar wollte ich zu dem Paralympics 2012 nach London. Im Krankenhaus habe ich dieses Ziel formuliert. Und viele haben zu meinen Eltern gesagt, nicht zu mir, das ist ein Luftschloss, was der David sich da aufbaut. Das schafft der nie wieder. Aber ich hatte dann so Etappenziele. Ich glaube mit Etappenzielen habe ich es zu diesem Ziel, was da oben war, geschafft.

Dirk Schmidt: Was weit weg war.

David Behre: Was unglaublich weit weg war. Ich glaube man sollte gucken auf sein Leben. Das ist das Ziel. Was muss man dafür machen, um diesem Ziel peu à peu näher zu kommen. Dann kann man das nämlich schaffen. Wenn man sagt, da ist das Ziel, das schaffe ich eh nicht. Dann hat man verloren. Bei mir war es okay, du musst irgendwann aus dem Krankenhaus raus. Das habe ich nach drei Monaten geschafft. Ich wurde sehr oft operiert. Ich lag drei Monate in der Klinik in Duisburg.

Mentalcoaching mit Dirk Schmidt: War das ein Etappenziel?

David Behre: Das war ein Etappenziel. So, ich war raus. Dann war es so, ich will mit meinen Prothesen, mit meinen Alltagsprothese, ohne Gehhilfen laufen können. Das konnte ich dann, als ich zwei Monate zu Hause war. Etappenziel, Haken dran gemacht.

Mentalcoach Dirk Schmidt: Sehr schnell war das.

David Behre: Das war unglaublich schnell. Dann hatten wir damals zwei Boxerhunde. Rocky war mein Rüde, der wog so 50 Kilo. Dann noch die Hündin Kira dabei, 30 Kilo. Ich wollte mit denen ganz alleine wieder spazieren gehen. Mir die Leine schnappen von zu Hause aus und eine Stunde, anderthalb Stunden weg sein. Das habe ich nach drei Monaten dann auch geschafft. Auch wieder dieses Etappenziel geschafft. Dann hat mir mein damaliger Techniker gesagt, du kannst mit der Interimsversorgung nicht Joggen. Das ist so eine Grenze, die dir jemand anders auferlegt.

Dirk Schmidt: Das wolltest du austesten.

David Behre: Das wollte ich austesten, ob das wirklich so ist. Und da war meine Schwester damals mit. Wir waren mit den Hunden auch. Und da bin ich einfach mal ein paar Schritte gejoggt. Es hat funktioniert. Es sah sehr sehr komisch aus und war nicht das Joggen, was ich von damals konnte. Aber es hat funktioniert. Und das hat mich immer wieder bestärkt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Und dann war irgendwann der Tag, als ich hier nach Leverkusen gekommen bin. Ich habe einen Sportler kennengelernt. Heinrich Popow. Und der hat mich eingeladen zu einem Bayer-Meeting. Das gab es damals noch. Das war ein großes Leichtathletiksportfest. Und da gab es einen Einlagewettkampf der paralympischen Athleten. Da habe ich mir das erste Mal so einen wirklichen Lauf und die Prothesen gesehen und war hin und weg, dass ich gesagt habe, alles klar, ich ziehe jetzt nach Leverkusen.

Dirk Schmidt: Das ist mein Ding.

David Behre: Das ist genau mein Ding. Und das muss ich tun, um diesem Ziel näher zu kommen.

Dirk Schmidt: Wann war das? In welchem Jahr?

David Behre: Das war dann Januar 2009, bin ich dann nach Leverkusen gezogen.

Dirk Schmidt: Dann hattest du nur noch drei Jahre Zeit für den Wettkampf.

 

David Behre: Da hatte ich noch drei Jahre Zeit für den Wettkampf, genau.

Dirk Schmidt: Spannend.

David Behre: Total.

Mentaltraining mir Dirk Schmidt: Ja. Also du empfiehlst den Menschen, wenn sie jetzt keinen Schicksalsschlag haben, an ihren Träumen festzuhalten.

David Behre: Ja.

Dirk Schmidt: Große Träume oder kleine Träume.

David Behre: Große Träume. Und wenn man dank diesem großen Traum auch einen kleinen Traum verwirklicht, dann ist das schon mal was. Und ich glaube, wir sollten einfach träumen. Träumen ist auch für erwachsene Menschen einfach so wichtig. Nur wir müssen was tun, um dahin zu kommen. Und nicht einfach mach ich morgen. Das mache ich heute nicht, das verschiebe ich auf morgen. Das ist falsch.

Mentalcoaching mit Dirk Schmidt: Das glaube ich. Die Dinge entwickeln sich immer mit dem Tun. Und meistens dann raus aus der Komfortzone.

David Behre: So ist es ist.

Mentaltrainer Dirk Schmidt: Und viele sagen ach im Moment regnet es. Und es ist kalt und Wetter und ich mache morgen meinen Sport.

David Behre: Der Deutsche an sich, der meckert ja sowieso sehr viel auf ganz ganz hohem Niveau. Aber auch wettertechnisch. Das können wir einfach nicht beeinflussen.

Dirk Schmidt: Aber ich kann meine Einstellung beeinflussen, wie du sagst.

David Behre: Man kann die Einstellung beeinflussen. Und genau das sollte man tun.

Mentaltrainer Dirk Schmidt: Und jetzt sagst du ja, das Umfeld spielt auch eine Rolle. Der sagt, mit diesen Prothesen kannst du nicht joggen gehen. Abe du hast das einfach für dich, wolltest es ausprobieren. Und hast es getan. Also das heißt, das Umfeld ist auch extrem wichtig dann auf dem Weg zu deinem Traum oder Ziel.

David Behre: Auf jeden Fall. Wenn man nur negative Leute um sich herum hat, dann ist mal selbst auch eine negative Person. Wenn die sagen das ist mein Traum, schaffst du sowieso nicht. Und wenn alle das sagen, dann glaubt man das. Also ich glaube, ein positives Umfeld oder sagen wir mal ein gesundes Umfeld ist extrem wichtig für jede Person.

Dirk Schmidt: Ja es ist einfacher, jemanden nach unten zu ziehen, wie jemanden hochzuziehen.

David Behre: Natürlich.

Mentales Training mir Dirk Schmidt: Und wenn du dann Erfolge hast, das kennst du auch David, dann kommen die Neider dazu. Die kennst du auch?

David Behre: Natürlich gibt es da Neider im Sport. Also grade wenn man das dann geschafft hat und zig Medaillen gewinnt, damit das Geld verdient und sich dann einfach auch mal beschenkt, also dass mein ein schönes Auto fährt, eine schöne Wohnung. Da gibt es viele, die dann sagen, du hast einfach nur Glück gehabt. Gibt es halt auch, Neider. Damit müssen wir alle umgehen und leben. Das ist ja eh auch so ein bisschen Neidgesellschaft. Gibt es ja in Deutschland auch, leider.

Mentalcoach Dirk Schmidt: Den Neid müssen wir uns erarbeiten.

David Behre: Den muss man sich erarbeiten. Und es ist harte Arbeit.

Dirk Schmidt: Das Mitleid bekommen wir geschenkt in der Regel.

David Behre: So ist es.

Dirk Schmidt: Wie gehst du mit Neidern um?

David Behre: Oft ist es ja so, dass hinter dem Rücken schlecht über einen gesprochen wird. Aber das lasse ich eigentlich nicht so nah an mich rankommen. Am liebsten wäre mir das, wenn die auf mich zukommen. Dass man wirklich sprechen kann. Weil ich habe ja viel auch getan dafür, dass ich jetzt da stehe, wo ich bin. Und ich glaube, viele würden diesen Unfall nicht gerne haben wollen. Und das muss man denen einfach sagen. Das ist hart erarbeitet. Und ich gebe ja auch viel zurück. Ich gehe in Krankenhäuser und motiviere andere Schwerstverunfallte.

Mentaltraining Dirk Schmidt: Machst denen Hoffnung dann.

David Behre: Auf jeden Fall. Ich bin ja nicht abgehoben oder so. Ich liebe meine Familie. Ich bin gerne auch noch in Moers. Ich bin in einer Zechensiedlung groß geworden. Also Kulturvielfalt. Viele Ausländer. Und da bin ich heute immer noch so gerne. Und das ist auch ein ganz ganz wichtiger Grund, den ich den Leuten mitgeben. Hey, wäre ich so ein Arschloch, wie ihr hinter meinem Rücken erzählt, dann würde ich auch, keine Ahnung, hier so rumlaufen. Aber ist man nicht. Sehen die Leute dann glaube ich schnell ein. Hey, der ist ja doch ganz normal.

Mentalcoach Dirk Schmidt: Der ist bodenständig und ist normal geblieben.

David Behre: Ist geerdet einfach. Und dann hört das auch auf mit dem hinter dem Rücken über einen reden.

Mentales Training Dirk Schmidt: Du sagtest eben so schön, ja der hatte Glück. Dem ist das zugefallen. Glaubst du persönlich an Glück?

David Behre: (lacht) Ja, sagt man ja auch, Glück muss man sich auch erarbeiten. Ja, ich will jetzt nicht sagen, das war Glück, dass das alles so kam. Aber heute sage ich über den Unfall, es musste so sein, es war Fügung. Und ich bin froh, mit dem Leben, was ich jetzt habe. Ich will meine Beine auch nicht mehr zurückhaben. Weil ich einfach ein Leben führe ohne Einschränkungen. Mit dem Sport. Ich bin vier oder fünf Monate im Jahre irgendwie in sehr sehr schönen Ländern unterwegs. In Trainingslagern. Im Winter Südafrika zum Beispiel. Wo andere Urlaub machen. Man lernt unglaubliche Menschen kennen und man hat einfach ein sehr sehr privilegiertes Leben. Und da bin ich einfach stolz und blicke da auch mit Demut natürlich drauf.

Mentales Training Dirk Schmidt: Mir hat mal ein Profifußballer gesagt, zu dem Thema Glück sagte er Dirk, je mehr ich trainiere, je besser ich vorbereitet bin, umso mehr Glück habe ich, wenn es drauf ankommt.

David Behre: Ja.

Dirk Schmidt: Ist da was dran?

David Behre: Da hat er Recht. Also ich habe auch wie ein Berserker für Rio trainiert, war super gut vorbereitet, habe wirklich dem Ziel alles untergeordnet. Und dann heißtest auch Wochenende samstags sind harte Tempoläufe. Das heißt Freitag geht man nicht weg. Und Sonntag nutzt man zur Regeneration. Also da müssen die Freunde dann auch mal hintenanstehen. Aber die hatten da Verständnis, Gott sei Dank, für. Und in Rio konnte ich dank dieser guten Vorbereitung auch alles abräumen. Mit Gold, Silber und Bronze. Und, ja, da habe ich mir auch dieses Glück hart erarbeitet durch das harte Training. Und da habe ich dann einfach funktioniert in dem Moment.

Dirk Schmidt: Was ist dein nächster Traum?

David Behre: Mein nächster Traum ist erst mal wieder verletzungsfrei zu sein, gut trainieren zu können. Wir haben 2020 die paralympischen Spiele in Tokio. Und da möchte ich nochmal den letzten großen Wettkampf machen, nach Möglichkeit gut abschneiden. Und dann das Kapitel Leistungssport schließen.

Mentaltrainer Dirk Schmidt: Okay. Gut abschneiden heißt für dich was?

David Behre: Ja. Eine Medaille ist da schon nochmal das Ziel. Ich bin dann 34. Natürlich sind die jungen Menschen, jungen Sportler extrem strak grade bei uns. Also das ist auch das Schöne an den Paralympics. Durch die mediale Aufmerksamkeit rücken da viele viele Sportler nach. Und auch im Training schon eine Regenerationsfähigkeit ist bei mir deutlich schlechter, als bei so einem 23-, 24-jährigen. Das ist einfach so. Altersbedingt. Deshalb möchte ich dann sagen, ich möchte noch topfit dann auch abschließen mit der Leistungssportkarriere. Und dann blicke ich auf eine hoffentlich, dann wenn Tokio erfolgreich war, auf eine wunderschöne Zeit in der Leichtathletik zurück.

Dirk Schmidt: Welche Farbe hat die Medaille in Tokio?

David Behre: (lacht) Ja, die favorisierte Farbe ist natürlich die goldene. Aber ich würde mich da auch mit einer bronzenen zufriedengeben. Und auch, wenn es nicht reichen sollte. Ich bin jetzt nicht so kitschig, dass man sagt ich muss mit Gold aufhören. Das hat auch Roger Federer mal eine Zeit lang durchlebt. Aber das ist für mich auch einer, da ziehe ich meinen Hut vor, vor diesen Leistungen von dem Tennisspieler. Der hatte zwei Jahre, da lief es einfach mal nicht. Aber er ist cool geblieben, hat auch viele Turniere abgesagt und spielt jetzt wieder ein überragendes Tennis. Und der hat auch gesagt, er ist nicht kitschig. Wenn ich irgendwann zwei Jahre, Hauptsache ich habe Spaß, ich stehe hinter dem. Und ich stehe bis 2020 auf jeden Fall hinter dem Sport. Und das ist für mich eine Leidenschaft einfach. Und ich hoffe natürlich, dass das gut endet in Tokio.

Mentaltrainer Dirk Schmidt: Ja. Wir drücken dir mal die Daumen. Das war der erste Teil des Interviews mit dem Weltmeister David Behre. Weitere Informationen über David Behre findest du wie immer in der Podcast-Beschreibung. Meine Bitte an dich: Wenn dir diese Folge gefallen hat, hinterlasse mir bitte eine Fünf-Sterne-Bewertung, ein Feedback auf iTunes und abonniere meinen Podcast. Ich danke dir. Vielen lieben Dank, dass du dabei warst. Und wir hören uns in der nächsten Folge wieder. Dein Mentaltrainer Dirk Schmidt.

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